Erklärung
Bewertung   Situation
Fortführung Berufsvorbereitungsklasse
(BVK)

Entscheidung
Ergebnis Ziele
Schüler untereinander
gegenüber anderen
  BVK im Schuljahr 1994/95
Unterricht   Lehrer

Erklärung
Die Berufsvorbereitungsklasse (BVK) ist eine Sonderklasse für benachteiligte (überalterte und schulmüde) SchülerInnen. In ihr werden Schüler des 9. und 10. Schulbesuchsjahres unterrichtet.

Situation
Für eine nicht geringe Zahl von Jugendlichen wird das Erreichen des Hauptschulabschlusses immer unrealistischer.
Es handelt sich insbesondere um überalterte SchülerInnen, die teilweise erst mit 12 Jahren die Grundschule verlassen und dort schon Mißerfolgserlebnisse hatten, um SchülerInnen, die Klassen anderer Schulformen der Sek.I wiederholt haben und dann zur Hauptschule gewechselt sind und auch um Seiteneinsteiger, die nach anfänglicher Beschulung in Auffang- oder Vorbereitungsklassen bemerken, daß sie den Anforderungen in den Regelklassen nicht gewachsen sein werden.
Schulversagen ist auf eine Fülle von Ursachen zurückzuführen, von denen hier einige benannt worden sind.
Die Folge dieses Versagens - bedingt durch individuelle Reaktionen in Form von Ängsten, Gleichgültigkeit und Aggression - ist Schulverweigerung, die in einer Form von "innerer Emigration" zu beobachten ist oder durch Schwänzen deutlich wird. In beiden Fällen entfernen sich SchülerInnen von Schule immer weiter, bis Leistungsrückstände nicht mehr aufholbar sind. Die Schulverweigerung schreitet in diesen Fällen ständig voran.
Selbstverständlich müßte die Schule möglichst früh und damit präventiv diesen Erscheinungsformen entgegenwirken, und in einzelnen Fällen wird das auch gelingen. Die Wirklichkeit zeigt aber, daß eine immer größer werdende Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit den herkömmlichen und auch zur Verfügung stehenden Instrumenten der Schule nicht mehr aufgefangen wird bzw. aufgefangen werden kann.
Diese SchülerInnen sind dann allein durch differenzierende Maßnahmen, alternative Methoden und Fördermaßnahmen in einer Regelklasse nicht mehr erreichbar.

Entscheidung
Trotz der derzeit stark betriebenen Integrationsdiskussion entschied sich die Lehrerkonferenz der Schule zur Bildung einer besonderen Klasse für diese SchülerInnen. Mit inneren Differenzierungsmaßnahmen, wo auch immer angesetzt, war Mißerfolg vorprogrammiert. Allein schon der ständige Vergleich mit den anderen SchülernInnen einer Klasse und die damit verbundene Notwendigkeit einer im Grundsatz gleichartigen Behandlung im Verhaltens- bereich, etwa im Umgang mit unregelmäßigem Schulbesuch, konnte nicht erfolgreich sein. Das Argument, die in Frage stehenden SchülerInnen in einer besonderen Klasse zusammenzufassen, werde sie zusätzlich stigmatisieren, wurde gesehen, aber überwiegend als sekundär betrachtet.
Die Schulkonferenz stimmte dem Antrag zu, eine besondere Klasse zu bilden, in der Berufsorientierung, - wahl und -vorbereitung im Mittelpunkt stehen.

Ziele
Die Klasse wird in der Stufe 8 angesiedelt. Im folgenden Schuljahr werden die Stammschüler in der Regel, soweit sie die Schule wegen Überalterung oder aus sonstigen Gründen nicht verlassen, in die Klasse 9 übergeführt. Für die überalterten SchülerInnen, für die ein weiterer Verbleib aus unterschiedlichen Gründen nicht sinnvoll erscheint, werden geeignete weitere schulische, insbesondere aber außerschulische Angebote berufsvorbereitender Art gesucht. Neue SchülerInnen werden in die Stufe 8 eingegliedert, so daß diese Klasse ab dem zweiten Jahr als Mischklasse 8/9 geführt wird.
- Berufsorientierung, Berufswahl und Berufsvorbereitung stehen im Vordergrund.
- Die Klasse erhält ein vermehrtes Angebot aus dem Bereich AW.
- Es wird ein Betriebspraktikum als Blockpraktikum für alle SchülerInnen durchgeführt (im zweiten Jahr in den Stufen 8 und 9).
- Hinlänglich stabilisierte SchülerInnen der Stufe 9 erhalten die Möglichkeit der Teilnahme an einem Jahrespraktikum.
- Die Klasse soll die Maximalschülerzahl von 16 nicht überschreiten, um eine Teilung in bestimmten Fächern, z.B. dem Fach AT, zu vermeiden. Der Klassenverband soll in allen Unterrichtsbereichen aufrechterhalten werden.
Conditio sine qua non ist, zunächt ein Vertrauensverhältnis zwischen den in der Klasse unterrichtenden Lehrern und den Schülern aufzubauen. Nachsicht/Verständnis einerseits und Forderung andererseits werden im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit stehen. Von der Lösung dieses Spannungsverhältnisses wird der Erfolg vorrangig abhängig sein. Die auf diesem Wege zu erreichenden Ziele sind:
1. Regelmäßiger/regelmäßigerer Schulbesuch
2. Berufsfähigkeit durch Berufsvorbereitung u. Kontakte mit d. Berufswirklichkeit
3. Beratung/Betreuung hinsichtlich nachschulischer Angebote bei Abbrechern
4. Nach Möglichkeit Hauptschulabschluß nach der Klasse 9 und
5.1 Vermittlung von Ausbildungsverhältnissen oder
5.2 Vermittlung berufsvorbereitender Maßnahmen

BVK im
Schuljahr 1994/95

Zu Beginn des Schuljahres besuchen 15 Schüler die BVK:
- Ein Schüler aus einer Vorbereitungsklasse
- Zwei Schüler, die eine Klasse 7 des laufenden Schuljahres besuchen müßten
- Drei im 8. Jahrgang nicht versetzte Schüler
- Neun reguläre Schüler des 8. Jahrgangs
Ein Schüler hat zu Beginn des Schuljahres acht Schulbesuchsjahre absolviert.
Acht Schüler befinden sich im 9. Schulbesuchsjahr, und sechs Schüler besuchen die Schule im 10. Schulbesuchsjahr.
Es handelt sich um eine reine Jungenklasse. Die Probleme der Jungen werden als vorrangig betrachtet. Während des Schuljahres verläßt ein Schüler die Klasse: Umzug.

Lehrer
Eine Klassenlehrerin und ein Klassenlehrer leiten die Klasse gemeinsam. Sie erteilen bis auf 5 Stunden (3 GP und 2 SP) den gesamten Unterricht der Klasse.
Notwendiges Teamteaching ist aufgrund der Lehrerbesetzung der Schule nicht möglich. Das Team der drei Lehrer trifft sich bis auf Ausnahmen wöchentlich.
Im Vordergrund steht die Besprechung sozialer und organisatorischer Probleme.

Unterricht
Projektorientierte Verfahren und Projektunterricht stehen im Vordergrund. Zur Zusammenarbeit mehrerer Lehrer bei einem Projekt kommt es nicht. Deutlich wird die Vorliebe der Schüler für die Arbeit mit dem Computer. Das Fachwissen der Klassenlehrerin und ihre vielfältigen Angebote werden von den Schülern angenommen. Die eigenen Fertigkeiten auf diesem Gebiet nehmen deutlich zu.
Das ist ein wesentlicher Bereich, in dem sie Sicherheit und damit Selbstbewußtsein erlangen.
Unsicherheit herrscht im Lehrerteam bezüglich einer angemessenen Reaktion auf Unpünktlichkeit und unregelmäßigen Schulbesuch. Individuelle Reaktionen werden von den Schülern akzeptiert. Es entsteht eine Basis von Vertrautheit, auf der trotz weiter bestehender vielfältiger Probleme aufgebaut werden kann.
Ein Hauptproblem bleibt: Jeder braucht den Lehrer unbedingt "jetzt".

Schüler untereinander
gegenüber anderen

Erfreulich zu beobachten ist, daß die Schüler bald eine intensive Klassengemeinschaft entwickeln. Aggressionen untereinander sind nahezu nicht vorhanden. Es entwickelt sich Kameradschaftlichkeit. Die Klasse tritt als selbstbewußte Einheit nach außen auf. Für die Schüler aus anderen Klassen sind das die aus der BVK, und das ohne Unterton.

Ergebnis
Einem Schüler wird angeboten, im kommenden Schuljahr aufgrund seiner Leistungen die Klasse 10A zu besuchen. Er verzichtet, um in dieser Klasse bleiben zu können.
Ein weiterer Schüler absolviert erfolgreich eine Nachprüfung. Er hat sich in den Ferien mit den gestellten Aufgaben beschäftigt. Ein durchaus erstaunlicher Vorgang.
Vier Schüler gehen ab:
- Zwei in eine Vorklasse zum BVJ / wahrscheinlich ohne Erfolg
- Einer in eine berufsvorbereitende Maßnahme beim IB
- Einer erhält einen Lehrvertrag als Fleischer

Fortführung
Die BVK wird als Klasse 8/9 weitergeführt. Einer der verbleibenden 10 Schüler erreicht das Versetzungsziel nicht.
In die Stufe 9 kommen aus regulären Klassen hinzu:
- Eine Schülerin als Sitzenbleiberin im 9. Jahrgang
- Ein Schüler als Sitzenbleiber im 9. Jahrgang
In die Stufe 8 kommen aus regulären Klassen hinzu:
- Eine Schülerin als Sitzenbleiberin aus dem 8. Jahrgang
- Zwei Schüler als Sitzenbleiber aus dem 8. Jahrgang
- Ein Schüler aus dem 6. Jahrgang
Die BVK besteht nun aus 14 Schülern und zwei Schülerinnen. Die Gruppe der Schüler aus dem Vorjahr hat sich so stabilisiert, daß die Integration der neuen Schüler - und besonders auch der beiden Schülerinnen - relativ problemlos erfolgt ist.
Die SchülerInnen der Stufe 9 haben zum zweiten Mal ein Blockpraktikum absolviert; die SchülerInnen der Stufe 8 nehmen zum ersten Mal daran teil.
Ein weiteres wöchentliches Praktikum wird sich für alle im Mai anschließen. Fünf Schüler der Stufe 9 sind bereits so stabilisiert, daß sie zur Zeit ein Jahrespraktikum (= einen Tag pro Woche im Betrieb statt Unterricht) ableisten. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Schüler einen Ausbildungsplatz bekommen werden, ist sehr groß.

Bewertung
Nach Auffassung der beteiligten LehrerInnen kann der Versuch, selbstverständlich mit den notwendigen Abstrichen, wenn man z.B. an die vier Abgänger denkt, als Erfolg bis zu diesem Zeitpunkt gewertet werden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätten sich etliche Schüler, wären sie in Regelklassen verblieben, zwischenzeitlich aus der Schule verabschiedet. Allein die Tatsache der teilweise sogar starken Anbindung an die Schule kann als Erfolg gewertet werden.
Das eigentliche Ziel, das Erreichen des Hauptschulabschlusses, steht noch aus.
Das weitere Ziel, die Vermittlung in einen Ausbildungsberuf, erfolgt in einigen Fällen, wie in der Klasse 10A, auf dem Weg über ein Jahrespraktikum.
Deutlich geworden ist jedenfalls, daß viele dieser Jugendlichen nicht unbedingt abgeschrieben werden müssen, auch wenn sie die innere Emigration aus der Schule schon teilweise vollzogen haben.

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